WIRBELSÄULENSYNDROME
Wirbelsäulen-Syndrome, WS-Syndrome
Das Wort Wirbelsäulensyndrome wird manchmal auch auseinander geschrieben (Wirbelsäulen-Syndrome) oder vereinfacht (WS-Syndrome).
Unter dem Überbegriff "Wirbelsäulensyndrome" werden Halswi rbelsäulen- (Zer vikal-), Brus twir belsäulen- (Thora kal-) und Lenden wir belsäulen- (Lu mbal-) Synd rom zusammengefaßt.
Unter "Wirbelsäulensyndrome" (Wirbelsäulen-Syndrome) versteht man verschiedene schmerzhafte Krankheitszeichen, die von einzelnen Abschnitten der Wir belsäule ausgehen.
Chronische Wirbelsäulensyndrome und die damit
verbundenen Rückenschmerzen
stellen aus
volkswirtschaftlicher und vielleicht auch aus menschlicher Sicht das größte
Problem der heutigen Schmerztherapie dar. Man rechnet, daß in Deutschland
jährlich 35 Milliarden Mark für das Problem Wirbelsäulensyndrome (WS-Syndrome) an Kosten anfallen.
Nach epidemiologischen Schätzungen (= auf Umfragen basierenden
Schätzungen) leidet ca. 85 % der Bevölkerung
westlicher Industriestaaten mind. einmal in ihrem Leben an diesen Beschwerden.
In ca. 10 % werden die Schmerzen chronisch (= über mehr als 6
Monate anhaltend). 5 % werden zu schmerztherapeutischen
Problemfällen. Diese 5 % der Pat. verursachen 50 % der Gesamtkosten! Für diese
kleine aber äußerst kostenträchtige Gruppe gibt es derzeit in Deutschland
wenig angemessene Behandlungsmöglichkeiten.
Systematik (= Einteilung/Ordnung) der Ursachen für (chronische) Wirbelsäulensyndrome (Wirbelsäulen-Syndrome)
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1. Vertebragene (= wirbelsäulenbedingter) Ursachen: |
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Degenerative Veränderungen (= durch Abnutzung hervorgerufen) |
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- Bandscheibensäden (Bandscheibenvorwölbung, Bandscheibenvorfall) |
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- ligamentäre Insuffizienz (= Funktionsstörung von Haltebändern) |
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- Störung der gelenkigen Wirbelverbindungen |
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- knöcherne Veränderungen (Randzacken, Knochenwulste usw.) |
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Missbildungen |
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- angeborene (z.B. Spina bifida, Blockwirbel, Keilwirbel) |
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- Wachstumsstörung (z.B. Skoliose, Scheuermann Krankheit) |
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Entzündliche Erkrankungen |
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- Rheumatischer Formenkreis (z.B. Polymyalgia, Morbus Bechterew) |
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- Infektionserkrankungen (Spondylitis z.B. durch Tbc, |
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Staphylokokken, M. Bang) |
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Generalisierte Skeletterkrankungen |
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- (z.B. Osteoporose, Osteomalazie) |
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Tumoren der Wir belsäule |
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- Primärtumoren (hauptsächlich Plasmozytom) |
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Traumen (= Verletzungen) (Frakturen, Beschleunigungsverletzung der H WS) |
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Defekte, nicht verletzungsbedingte (z.B. Spondylolyse |
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und Spondylolisthese) |
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2. Neurologische Erkrankungen: |
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(z.B. Polyradikulitis, Rückenmarkstumoren, |
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Syringomyelie, Tabes dorsalis |
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3. Referred pain (Übertragungsschmerz): |
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Halswir belsäule: sog. viszeraler Übertragungsschmerz bei |
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Erkrankung innerer Organe: Leber, Gallenblase, Magen, |
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Milz, Dickdarm, Herz u. Affektionen des Schultergelenkes |
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Brustwir belsäule: Schmerzprojektion bei Erkrankung der |
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Speiseröhre, der Pleura, und bei Aortenaneurysma |
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Lendenwir belsäule: Schmerzprojektion bei gynäkologischen |
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und urologischen Erkrankungen |
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4. Myofasziales Syndrom (z.B. Fibromyalgie) |
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(= Mus keln und deren Gewebsumhüllung sowie Se hnen betreffende Störungen) |
Die Wir belsäule
als statisches Achsenorgan ist in dieser Funktion großen Belastungen
ausgesetzt, entsprechend häufig treten Verschleißerscheinungen auf, die über die
physiologische Degeneration (= normale
Abnützung) hinausgehen und deshalb
oft Beschwerden verursachen. Es ist jedoch stets zu bedenken, daß auch
höhergradige Verschleißprozesse nicht unbedingt mit Schmerzen einhergehen
müssen, auch gibt es keine statistische Korrelation zwischen dem Ausmaß der
abnutzungsbedingten Veränderungen und der geklagten Schmerzintensität.
Das
Vorhandensein abnutzungsbedingter Veränderungen, die theoretisch
Wirbelsäulensyndrome verursachen können, darf deshalb nicht dazu verleiten, eine
weitergehende Diagnostik (= Maßnahmen
zur Erkennung eines Krankheitsgeschehens)
zu unterlassen.
Vertebragene (= von der
Wirbelsäule ausgehende)
Schmerzen können auf die
Schädigungsregion (Bewegungssegment) beschränkt bleiben und/oder in das
Versorgungsgebiet eines irritierten oder geschädigten Nerv en (pseudoradikuläres
Syndrom
oder radikuläres Syndrom) ausstrahlen. Diffuse, in die Peripherie
(= in den äußeren Körperbereich)
projizierte Schmerzen ohne fassbare Nervenstörung, begleitet von
Krankheitszeichen, die dem vegetativen, unwillkürlichen Nervensystem zuzuordnen
sind (z.B. örtlich vermehrte Schweißbildung), sprechen für die Funktionsstörung
des Grenzstranges (= vegetative
Nervenstrukturen beidseits der Wirbelsäule)
(Synd rom des sympathischen Grenzstranges, Thoden 1989).
Die Wir belsäule besteht hpts. aus 3 Abschnitten: Halswirbel-, Brustwirbel- und Lendenwir belsäule. Daraus resultieren unterschiedliche Wirbelsäulensyndrome (= Krankheitszeichen von der Wirbelsäule ausgehend). Schmerzhafte Störungen im Kreu z- und Stei ßbein werden in den entsprechenden Dateien beschrieben.
1) Das
Halswirbelsäulensyndrom (HW S-Synd rom)
oder auch Zervikalsyndrom
genannt, ist ein Sammelbegriff für von der Halswir belsäule
ausgehende oder den Halswirbelsäulenbereich betreffende Beschwerden. Die mit Abstand häufigste Ursache sind
Störungen im Bereich der gelenkigen
Wirbelverbindungen, die sog. "Wirbelblockierungen".
In der Regel klagen die
Patienten über
Nackenschmerzen, die in die Schul
tern, manchmal bis in die Arme
und/oder auch in den Hinterkopf (z.T. bis zur Stirn) ausstrahlen können. Meist
ist die Mus
kulatur neben der Wir belsäule verhärtet, häufig verbunden mit einer
schmerzhaft eingeschränkten Kopfbeweglichkeit. Vielfach besteht auch
Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Halswir belsäule.
Zum
Ausschluß eines die Ner
venwurzeln betreffendes Krankheitsgeschehens (Radikulopathie), bedarf es immer einer fachlichen Abklärung (Neurologie,
Radiologie).
Heftigste Schmerzzustände mit Muskelhartspann und dadurch
erzwungener Fehlhaltung (Schiefhaltung) werden als „akuter Tortikollis“
bezeichnet.
In Abhängigkeit von der Höhe der Störung unterscheidet man das HW S-Synd rom
in:
1a) Oberes Halswi rbelsäulens yndrom (HW S-Synd rom): Die typischen
Krankheitszeichen sind in der Literatur unterschiedlich dargestellt (Kügelgen
et Hillemacher 1989, Kocher et al. 1980, Dahmen
et al. 1985). Gemeinsames Merkmal sind Nack enschmerzen mit Schmerzausstrahlung nach oben in den Kopf, da sich die
Störungen überwiegend auf die Nerv enwurzel des 2. Halswirbels
konzentrieren. Die
Schmerzeinstrahlung in den Hinterkopf, teilweise auch bis zur Stirnregion
ziehend, führt häufig zur Diagnose eines zervikogenen oder vertebragenen
(= wirbelsäulenbedingten)
Kopfschmerzes.
Inwieweit die H WS-spezifische "Unkovertebralarthrose"
(= Erkrankung des „Halbgelenks“ zwischen zwei
Wirbelkörpern) über eine Einengung
der Wirbelsäulenschlagader (A.vertebralis) im Foramen intervertebrale
(= Zwischenwirbelloch)
ein zervikozephales
(= Hals und Kopf
betreffendes) Krankheitsbild
verursachen kann, ist noch nicht endgültig geklärt.
1b) Mittleres Halswi rbelsäulens yndrom (HW S-Synd rom): Typische Schmerzen treten im Bereich der Halswirbel 3, 4, 5 auf und strahlen in die Schulterblätter, auch bis über die Schulter aus. Beim radikulären Synd rom (= Krankheitszeichen infolge einer Nervenstörung, -schädigung) treten Störungen der Nervenfunktion in Form von herabgesetzter Empfindung und/oder Lähmungen von Schulterblattmuskeln (z.B. M. levator scapulae) auf. Ganz selten kommt es auch zu Zwerchfellähmung (Thoden 1987). Beim radikulären Synd rom der Nerv enwurzel des 5. Halswirbels ist der M. biceps brachii betroffen.
1c) Unteres Halswi rbelsäulens yndrom (HW S-Synd rom): Da die Nervenwurzeln
des 6. bis 8. Halswirbels und des 1. Brustwirbels betroffen sind, können
Beschwerden bis in den Kleinfinger ausstrahlen. Meist wird dieser Schmerzzustand
mit „Zervikobrachialsyndrom"
(Nacken-Schulter-Arm-Syndrom) bezeichnet, obwohl streng genommen
das Zerviko-Brachialgie -Synd rom mit einer radikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen infolge einer Nervenschädigung,
-störung)
einhergeht (Debrunner 1988).
Die pseudoradikuläre
(= auf eine scheinbare
Nervenschädigung zurückzuführende)
Ausstrahlung in die Arme fällt noch unter den Begriff "Zer vikalsyndrom".
Bei Störung der Nerv enwurzel des 1. Brustwirbels kann sich ein
Horner-Synd rom
(= Augenlidsenkung, Verengung der
Pupille, Zurücksinken des Augapfels)
ausbilden (Thoden 1987).
2)
Das
Brustwirbelsäulensyndrom ist ein Sammelbegriff für Schmerzen bzw.
Wirbelsäulensyndrome,
die von der Brustwir belsäule ausgehen oder den Brustwirbelsäulenbereich
betreffen.
Von den Abschnitten der Wir belsäule ist die B WS hinsichtlich
chronischer Schmerzen prozentual am wenigsten betroffen. Statisch-dynamische
Faktoren spielen hier eine untergeordnete Rolle, es dominieren reflektorische
(= von einem anderen erkrankten Organ ausgehende, reflexartige)
Störungen, hauptsächlich im myofaszialen
(= Muskeln und deren Gewebsumhüllung
betreffenden)
System. Nicht selten sind auch
Interkostalnerven
(= Zwischenrippennerven)
im Sinne einer pseudoradikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer scheinbar
gestörten Ner venwurzel ausgehen) beteiligt. Eine radikuläre Symptomatik
(= Krankheitszeichen, die von einer tatsächlich
gestörten Ner venwurzel ausgehen) kann leicht übersehen werden, da z.B. bei motorischen
(= die Muskelfunktion betreffenden)
Ausfällen kaum eine körperliche Beeinträchtigung eintritt, es sei denn, es sind
mehrere Interkostalnerven
(=
Zwischenrippennerven)
betroffen, was dann zu einer Störung der Lungenfunktion führen kann.
Der
Schmerzcharakter im Bereich der Brustwir belsäule wird von den Patienten meist
mit dumpf und drückend angegeben. In der Regel ist die Muskulatur neben der Wir belsäule
verhärtet und druckschmerzhaft. Oft besteht auch
Klopfschmerzhaftigkeit über den Dornfortsätzen der Wirbelkörper.
Relativ häufig
treten Beschwerden im Rahmen von Wachstumsstörungen auf (z.B.
Scheuermann Krankheit,
Skoliose), begünstigt durch die damit verbundene
Fehlhaltung.
Das B WS-Synd rom kann auch Folge von zusammengebrochenen Wirbeln
aufgrund einer Osteoporose sein. Nicht selten stellt sich ein
B WS-Synd rom
auch nach einem unfallbedingten Wirbelbruch ein.
Viszerale
(= die Eingeweide betreffende)
Übertragungsschmerzen (Referred pain) sind stets in die
differentialdiagnostischen Erwägungen
(= Überlegungen, welche Krankheiten noch in Frage kommen können)
mit einzubeziehen. Störungen bzw. Krankheiten von Herz und Bauchspeicheldrüse
führen oft zu Beschwerden zwischen den Schulterblättern. Auch Erkrankungen der
Speiseröhre, Pleura
(= Brustfell)
und Fehlbildungen der Brustaorta
(= Brustschlagader)
können zu Beschwerden in der B WS-Region führen.
3)
Das
Lendenwirbelsäulensyndrom (LW S-Synd rom)
ist ein Sammelbegriff für einen Kreuzschmerz bzw.
Rückenschmerz, der aufgrund degenerativer
(= abnutzungsbedingter)
Wirbelsäulenveränderungen oder statisch-muskulär bedingter Störungen von der
Lendenwir belsäule ausgeht oder den Lendenwirbelsäulenbereich betrifft.
Die Lendenwir belsäule ist großen statisch-dynamischen Belastungen ausgesetzt,
weshalb hauptsächlich dieser Wirbelsäulenabschnitt von Schmerzsyndromen
betroffen ist.
Als Schmerzursache stehen wie bei der Halswir belsäule übermäßige
degenerative
(=
abnutzungsbedingte) Veränderungen
im Vordergrund, wobei der Bandscheibe eine Schlüsselrolle zufällt. Der
Wassergehalt des Gallertkernes der Bandscheibe nimmt im Laufe der Zeit ab und
damit die Elastizität, wodurch die Beweglichkeit beeinträchtigt wird. Der
Faserring verliert allmählich seine Haltefunktion, wird rissig und teilweise für
die Gallertmasse durchlässig. Bereits in dieser Phase sind
Bandscheibenvorfälle
möglich. Das Bewegungssegment wird durch diese Bandscheibenveränderungen nunmehr
instabil, wodurch die Funktionsbewegungen beeinträchtigt werden. Die Wirbelkörper
können sich dann gegeneinander verschieben, worunter die kleinen Wir belgelenke besonders leiden und schließlich mit arthrotischen
(= krankhaften)
Veränderungen reagieren (Spondylarthrose
n). Mit zunehmender
Bandscheibendegeneration
(=
Bandscheibenabnutzung) nähern sich
die Wirbelkörper einander und reagieren mit Randzackenbildung (Spondy lose) und
Sklerosierung
(= krankhafte Verhärtung)
der Deckplatten (Osteochondrose). Allmählich kommt es zu einer Versteifung, die
an sich der Entstehung von
Rückenschmerzen entgegen wirkt ("wohltuende
Versteifung im Alter").
Jede Phase dieser fortschreitenden Degeneration kann im
Bewegungssegment Rüc
kenschmerzen verursachen, die auch mit pseudoradikulärer
oder gar radikulärer Symptomatik
(= Krankheitszeichen die auf eine scheinbar oder
tatsächlich geschädigte Ner venwurzel zurückzuführen sind)
einhergehen können. Verschleißprozesse, die über die normale,
altersentsprechende Abnutzung hinausgehen, können auch zu einer Verengung des
Spinalkanals führen und in den betroffenen Segmenten Rüc
kenschmerzen
hervorrufen, bei entsprechendem Ausmaß treten weitere Beschwerden hinzu ((pseudoradikuläre,
radikuläre Ausstrahlungen in die Beine,
Claudicat io spinalis
(= Funktionsbeeinträchtigung der Beine aufgrund von
Durchblutungsstörungen im
Rückenmark)).
Die kleinen Wir belgelenke, die wegen ihrer dachziegelartigen Anordnung auch
Facettengelenke genannt werden, können auch isoliert, also unabhängig vom
Einfluß der Bandscheibendegeneration arthrotische Veränderungen erfahren und
dann ebenfalls schmerzhafte Blockierungen des Bewegungssegmentes hervorrufen.
Auch im Bereich der Foramina intervertebralia
(= Zwischenwirbellöcher)
können isolierte Störungen auftreten, die die zugehörigen Ner
venwurzeln
irritieren oder gar schädigen und dann zu Rüc
kenschmerzen führen. Ein
Bandscheibenvorfall
erfolgt meist dorsolateral
(= seitlich und nach hinten)
und kann schon bei geringem Ausmaß das Bewegungssegment blockieren. In der
dorsolateralen Region kann aber auch die Nerv enwurzel direkt tangiert bzw.
eingeklemmt werden und ausstrahlende Krankheitszeichen bewirken.
90% aller
Bandscheibenvorfälle
finden in den Etagen L4/L5 und L5/S1 statt (Sehhati-Chafei
1988). Diese bevorzugte Lokalisation führt dazu,
daß häufig die Diagnose "Lumboischia lgie" gestellt wird, da die oberen
Anteile des Plexus ischiadicus
(=
Nervengeflecht aus dem der Ischiasnerv entstammt)
bzw. Plexus sacralis
(= Nervengeflecht
im Bereich des Kreuzbeins) den
Nervenwurzeln L4 und L5 entstammen.
Patienten bei denen nach einer Bandscheiben-Operationen
(weiterhin) Wirbelsäulensyndrome
bestehen, sind bezüglich einer
Schmerzbehandlung
sehr
problematisch. Erfahrungsgemäß nimmt die Problematik mit jeder weiteren
Operation sogar noch zu. Der oben beschriebene typische Ablauf des
Abnutzungsprozesses macht deutlich, daß auch mit einer Operation die eigentliche
Schmerzursache ja nicht behoben werden kann, im Gegenteil, es besteht sogar die
Gefahr, daß der degenerative Prozeß noch beschleunigt wird. Mit jeder Operation
nimmt die Tendenz zur Instabilität zu, abgesehen von den zusätzlichen iatrogenen
(= durch die Operation verursachten)
Gewebsschädigungen.
Nicht selten sehen wir Patienten, bei denen nach mehrfachen
Bandscheiben-Operationen wegen Instabilität eine
Spondylodese
(= operative
Wirbelsäulenversteifung)
durchgeführt werden mußte. Leider ist auch nach einer solchen, teilweisen
Wirbelsäulenversteifung ein Großteil der Patienten nicht beschwerdefrei. Es ist
daher zu begrüßen, daß die Indikation
(= Anzeige) zur Bandscheibenoperation
in den letzten Jahren immer mehr eingeschränkt worden ist.
Als Grund für eine
Operation ist das Krankheitszeichen "Rückenschmerz" oder „Kreuzschmer z“
in den Hintergrund getreten. Als relative Indikation
(= Anzeige) gelten allenfalls
unerträgliche, therapieresistente
(=
nichts hilft) Rüc
kenschmerzen.
Beim
sog. Cauda-Synd rom
(= Rückenmarkschädigung mit Lähmung der Beine), ebenso bei motorischen Defiziten
(= Beeinträchtigungen der Muskelfunktion),
die unter konservativer Therapie
(=
Behandlung ohne Operation) bestehen
bleiben oder gar zunehmen, muß operiert werden, um eine Entlastung
herbeizuführen.
Segmentale Wirbelsäulensyndrome mit und ohne Schmerzausstrahlungen,
können auch von den Muskeln neben der Wir belsäule selbst und/oder den
zugehörigen Sehnen ausgehen (myofasziales Syndrom). Über den segmentalen
Reflexbogen kann auch die benachbarte Seite mit einbezogen werden, so daß das
Bild eines vertebragenen
(= von der Wirbelsäule
ausgehenden)
Rüc
kenschmerzes vorgetäuscht wird.
Häufig hat ein
Rüc kenschmerz auch seinen Ursprung in den
Iliosakralgelenk
en
(= gelenkartige Verbindung zwischen
Darm- und Kr
euzbein) (die sog.
Iliosakralgie) Meist liegen funktionelle Störungen vor, die betroffenen
Patienten klagen besonders bei Rumpfbeugung, verbunden mit Drehung, über
Schmerzen im lumbosakralen Übergangsbereich
(= unterer Lendenwirbelsäulen- und oberer Kreuzbeinbereich),
aber auch typischerweise über Schmerzen im Bereich der Spina iliaca posterior
superior
(= hinterer oberer
Darmbeinstachel) mit unspezifischen
Ausstrahlungen in die Beine (Gesäß, hinterer und seitlicher Oberschen
kel bis zur
Wade und evtl. Fe
rse).
Neurologische Ausfälle
(= Nervenstörungen)
bestehen nicht. Häufiger kommen diese Patienten mit der (falschen) Diagnose „Lumboischia lgie“.
Auch ein sog. Beckenringsyndrom kann mit Kreuzschmerzen einhergehen.
Die Sakralgie bezeichnet Schmerzen in der Kreuzbeingegend, z.B. infolge Kompression (= Einklemmung) der Nervi clunium recurrentes (Wurzelkompressionssyndrom) in den Kreuzbeinlöchern, bei Sakralisation (= Verschmelzung des 5 Lendenwirbels mit dem Kr euzbein), häufig mit einer Erkrankung der Iliosakralgelenke einhergehend.
Der Vollständigkeit halber muß beim Thema "Wirbelsäulensyndrome" (WS-Syndrome) auch noch das Steißbein erwähnt werden.
Grobe
Hinweise auf die Art der Schädigung liefern die Abfrage der Vorgeschichte und
Beschwerdebild.
Werden
Rüc kenschmerzen bei Beanspruchung der Wir belsäule verstärkt oder ausgelöst, so sind die Bewegungssegmente beteiligt.
Rüc kenschmerzen, die von der Wirbelsäulenfunktion unabhängig sind, sprechen mehr
für Störungen im Bereich der Wirbelkörper.
Rüc kenschmerzen, die von Mus keln und
deren Bindegewebsumhüllung ausgehen (sog. muskuloskelettaler oder myofaszialer
Ursprung) werden durch Wirbelsäulenbelastungen und -bewegungen ebenfalls
verstärkt, unterliegen aber häufig klimatischen Einflüssen, d.h., sie treten in
der kälteren Jahreszeit bevorzugt auf. Oft berichten die Patienten, sie hätten
sich "verkühlt".
Akut auftretende Wirbelsäulensyndrome im
Bereich der LWS
sind häufig bandscheibenbedingt, können aber auch durch eine akute
Segmentblockierung (hpts. kleine Wir belgelenke) ausgelöst werden.
Akute Wirbelsäulensyndrome, die mit einer monoradikulären Symptomatik
(= Krankheitszeichen 1 Ner venwurzel betreffend)
einhergehen, sind sichere Anzeichen eines Bandscheibenvorfalls, gleiches gilt
für akute Schmerzen im Zusammenhang mit einem Cauda-Synd rom
(= Rückenmarkschädigung mit Lähmung der Beine).
Wirbelsäulensyndrome
beim Husten und Pressen
sind typisch für ein
Nervenwurzelkompressionssyndrom
bzw. Radikulopathie (= Erkrankung / Störung einer
Nervenwurzel), z.B. infolge einer
Bandscheibenprotrusion
(=
Bandscheibenvorwölbungen) oder gar eines
Bandscheibenprolaps
(=
Bandscheibenvorfall).
Wirbelsäulensyndrome, die bei Erschütterung auftreten,
können von einer
Spondylitis
(= En
tzündung an der Wir
belsäule) verursacht werden.
Wirbelsäulensyndrome, die bevorzugt nachts und morgens auftreten, weisen auf eine
generalisierte
(= allgemeine)
Wir belsäulenerkrankung
hin, z.B.
Bechterew-Syndrom oder
Osteoporose.
Auch auf den
Ort der Schädigung lassen sich bereits aus dem Beschwerdebild Rückschlüsse
ziehen. Schmerzen und Störungen der (Berührungs-) Empfindlichkeit im Bereich
ober- und unterhalb des Leistenbandes weisen auf die Nervenwurzeln L1
(= 1. Segment der Lendenwirbelsäule)
und L2 hin.
Die L3-Wurzel macht sich am vorderen inneren Oberschenkel bemerkbar.
Die
Meralgia
paraesthetica
(= Schmerzstörung im Bereich des Nervus cutaneus femoris lateralis, rumpfnahe an
der Außenseite des Oberschenkels) ist
dagegen eine periphere
(= mehr
oberflächliche) Nerv enstörung.
Schmerzen und Störungen der (Berührungs-) Empfindlichkeit vom vorderen inneren
Oberschenkel bis zur Schienbeinvorderfläche reichend, betreffen die Wurzel L4.
Beschwerden, die von der Außenfläche des Oberschenkels über den äußeren
seitlichen Unterschenkel zum Fußrücken und zur Großzehe ziehen, sind L5
zugeordnet, während die S1-Wurzel
(= 1. Ner venwurzel im Kreuzbeinbereich) für
den hinteren Oberschenkel, hinteren seitlichen Unterschenkel, seitlichen Fußrand
und die Zehen 3-5 verantwortlich ist.
Schmerztherapie bei Wirbelsäulensyndrome (Wirbelsäulen-Syndrome)
Grundsätzlich
muß zunächst versucht werden, durch eine geeignete Diagnostik
(= Maßnahmen zur Erkennung von Krankheiten) eine für die geklagten
Rüc kenschmerzen ursächliche, spezifische Erkrankung zu entdecken.
Gelingt
dies, so wird diese zunächst kausal
(= entsprechend dem
Krankheitsbild) behandelt.
Wenn dennoch Schmerzen verbleiben oder
keine eindeutige, spezifisch behandelbare Schmerzursache gefunden wurde, so
sind schmerztherapeutische Behandlungsmethoden gefragt, die oft bei
verschiedenen Grundkrankheiten die gleichen sind, da sie sich nunmehr nach dem Schmerz
und seiner Ausdehnung und nicht mehr vorrangig nach seiner Ursache richten.
Länger bestehende
Rüc kenschmerzen erfordern praktisch immer eine
Kombination von verschiedenen Therapieverfahren.
Medikamentöse
Schmerzbehandlung
der
WS-Syndrome:
Akut und subakut können bei
Rüc kenschmerzen zunächst (vorwiegend) peripher wirkende
Analgetika
(= Schmerzmittel, die am Ort der Schmerzentstehung wirken)
eingesetzt werden, insbesondere sog. nicht steroidale Antirheumatika
(=
Rheumamittel),
aus dieser Gruppe möglichst langwirkende und magenschonende wie z.B.
Mobec®.
Besonders magenschonend und auch entzündungshemmend sind die sog. COX-2
Inhibitoren, z.B. Parecoxib (Dynastat®)
oder Etoricoxib (Arcoxia®),
allerdings scheint diese Stoffgruppe mit einem Herz-/Kreislauf-Risiko verbunden
zu sein, zumindest bei längerer Therapiedauer. Es bleibt abzuwarten, ob Parecoxib
und
Etoricoxib nicht auch noch vom Markt genommen werden, wie schon andere
Mittel dieser Stoffgruppe zuvor.
Bei stärkeren
schmerzhaften Muskelverspannungen können darüber hinaus auch Muskelrelaxanzien
(= Mittel zur Muskelentspannung) (z.B.
Norflex®, Mydocalm®) verordnet werden.
Manchmal sind aber Wirbelsäulensyndrome nur
mit zentralwirkenden Analgetika (z.B. Tramadol, Valoron N®)
(= im Gehirn bzw. Rückenmark wirkende
Schmerzmittel)
beherrschbar.
Grundsätzlich sollte aber auch beim
Rüc
kenschmerz eine längerfristige
Schmerzmittelverordnung wegen der Gefahr der Gewöhnung oder gar Abhängigkeit
vermieden werden.
Die Kombination mit schmerzdistanzierenden
Antidepressiva
(= Mittel gegen Depression, aber auch
bei chronischen Schmerzen wirksam)
(z.B. Doxepin, Maprotilin) hilft in vielen Fällen Schmerzmittel
einzusparen.
Therapeutische
Lokalanästhesie
(=
Behandlung mit einem örtlichen Betäubungsmittel
bzw.
Lokalanästhetika) gegen
Wirbelsäulen-Syndrome:
Beim anhaltenden Rüc
kenschmerz sollte rechtzeitig alternative Methoden eingesetzt werden. Eine sehr wirksame
Alternative, ohne jedes Gewöhnungs- oder Suchtpotential, ist die therapeutische
Lokalanästhesie mit einem langwirkenden örtlichen Betäubungsmittel (z.B.
Bupivacain) in Form von örtlichen Betäubungen und Nervenblockaden.
Infiltrative Lokalanästhesie (=
Infiltration mit einem örtlichen Betäubungsmittel)
beim Rüc
kenschmerz (Dorsalgie):
Die einfachste diesbezügliche
Therapie besteht in der örtlichen Infiltration der meist verspannten, an die Wir belsäule
angrenzenden Muskulatur. Je nach segmentaler Ausdehnung reichen ca.
5-10 ml Bupivacain 0,25% bis 0,5% völlig aus. Eine weitere Möglichkeit ist die
gezielte Infiltration von Triggerpunkten
(= kleine Reizzonen hpts. in der Muskulatur)
nach vorheriger Identifizierung derselben.
Werden die Rüc
kenschmerzen durch abgenutzte,
entzündliche oder irritierte
Intervertebralgelenke (= kleine
Gelenke zwischen den Wirbeln)
verursacht, sind Infiltrationen der betroffenen kleinen Gelenke
erfolgversprechend. Kortison- Zusatz kann den Heilungsprozeß beschleunigen.
Der
Beweis für ein "Facetten-Syndrom"
(= Schmerzstörung im Bereich der kleinen
Wirbelgelenke) als Schmerzursache,
ist letztlich nur durch den Erfolg einer probatorischen
(= zur Sicherung der Diagnose durchgeführten)
Facetten-Betäubung zu erbringen. Langzeiterfolge durch Thermokoagulation
(= Verkochung / Zerstörung mit
Hochfrequenzstrom) der Facetten sind
bei Rüc
kenschmerzen nicht gesichert.
Periphere temporäre
(= oberflächliche, zeitlich begrenzte)
Nervenblockaden:
Zur
Unterbrechung segmentaler Reflexkreise, aber auch zur Therapie von
Schmerzausstrahlungen eignen sich beim Rüc
kenschmerz Blockaden
(= Betäubungen)
der korrespondierenden Nervenwurzeln (= im Schmerzbereich befindliche
Nervenaustrittstellen neben der Wirbelsäule). Im
Lendenbereich auch kontinuierlich mit Katheter*.
Schmerzausstrahlungen in Schulter/Arm, wie sie
beim mittleren/unteren Zervi kalsyndrom in typischer Weise vorkommen, sprechen zufriedenstellend auf die
wiederholte hohe Blockade des Plexus brachialis
(= Betäubung des Armnervengeflechts im seitlichen
Halsbereich) nach Winnie an.
Technisch risikoärmer und oft besser wirksam ist jedoch die
kontinuierliche, retrograd hohe Plexus brachialis-Blockade
mit Katheter (*siehe unten). Die kontinuierliche
inters kalenäre
Blockade ist mit einem höheren Risiko behaftet.
Periphere (= oberflächliche) Schmerzprojektionen entlang der Interkostalnerven
(= Zwischenrippennerven)
bei Vorliegen eines B WS-Syndroms sprechen gut auf wiederholte Interkostalblockaden mit einem
örtlichen Betäubungsmittel an. In hartnäckigen Fällen kann die Blockadefrequenz durch
Implantation eines Katheters (* siehe unten) erhöht werden.
Im Bereich der Beine können bei entsprechender radikulärer oder pseudoradikulärer Schmerzausstrahlung
(= Schmerzen die auf eine tatsächlich oder
scheinbar geschädigte Ner venwurzel zurückzuführen sind)
der vordere Oberschenkelnerv (N. femoralis) und / oder der Ischiasnerv
wiederholt blockiert werden, in hartnäckigen Fällen mit Katheter (* siehe
unten).
Bei Schmerzausstrahlung in den Bereich des seitlichen und inneren
Oberschenkels gelingt mit der sog. 3-in-1-Variante die zusätzliche Betäubung der
Nerv en obturatorius und cutaneus femoris lateralis, deshalb auch geeignet zur
Behandlung der
Meralgia paraesthetica
(= brennende Schmerzen an der
Oberschenkelaußenseite).
Eine
Periduralblockade (= rückenmarknahe
Betäubung) im Bereich der Brus t- oder Halswir belsäule erfordert ein strenge Nutzen-/Risikoanalyse. Die
lumbale Periduralblockade (=
rückenmarknahe Betäubung im Lendenbereich),
insbesondere kontinuierlich mit Katheter*, ist bei Rüc
ken- bzw.
Kreuzschmerzen eine sehr effektive
Therapiemaßnahme, die allerdings nur unter stationären Bedingungen durchgeführt
werden sollte. Bei technischer Beherrschung, adäquater Lokalanästhetika-Dosierung und Beachtung der hygienischen Belange kann das
Risiko bei der Anzeige "Rüc
kenschmerzen" als vertretbar eingestuft werden.
Wenn
eine Periduralblockade technisch schwer oder nicht durchführbar ist (z.B. bei
Mißbildungen, Zustand nach operativer Wirbelsäulenversteifung usw.), bietet sich
besonders bei Störungen im Bereich des Plexus sacralis
(= Nervengeflecht im Bereich des Kreuzbeins)
die sog. Kaudalanästhesie (=
rückenmarknahe Betäubung durch einen Kanal im Kreuzbein hindurch)
an, die auch mit Katheter* möglich ist, sofern dieser wegen der der
Gefahr einer Entzündung seitlich unter der Haut mittels einer Untertunnelung
weggeführt wird. Erhöht man die Menge des örtlichen Betäubungsmittels (z.B.
20-25ml Bupivacain 0,1 bis 0,15 %) kann auch der obere Lendenbereich erreicht
werden.
Statt mit einem örtlichen Betäubungsmittel können die aufgeführten, rückenmarknahen Blockaden auch mit einer verdünnten Morphin-Lösung durchgeführt
werden, allerdings ist dabei die oft zu beobachtende, über die Behandlungszeit
hinaus anhaltende Wirkung deutlich weniger ausgeprägt.
Bei sehr schweren und
sonst kaum behandelbaren Rüc
kenschmerzen kann zur Durchführung rückenmarknaher
Blockaden auch eine kleine Schmerzpumpe unter die Haut gepflanzt werden.
Das Arzneimittelreservoir der Pumpe wird dann in bestimmten Zeitabständen durch
die Haut hindurch mit Hilfe einer Spritze wieder aufgefüllt.
* Bei der sog. kontinuierlichen Blockade mit Katheter wird der dünne Kunststoffschlauch dicht an Nervengeflechte bzw. den betroffenen Nerv en eingepflanzt. Die Einpflanzung erfolgt durch eine handelsübliche Kanüle hindurch, es muß also nicht „aufgeschnitten“ werden. In der Folge wird über diesen Katheter mehrmals täglich, jeweils nach Abklingen der vorangegangenen Dosis, das örtliche Betäubungsmittel völlig schmerzlos nachgespritzt. In bestimmten Fällen kann zur Verabreichung des örtlichen Betäubungsmittel durch den Katheter hindurch auch eine kleine Pumpe angeschlossen werden. Das örtliche Betäubungsmittel wird bei dieser Behandlung so dosiert, dass die grobe Kraft erhalten bleibt (bei gleichzeitiger Hemmung der Schmerzreizleitung), damit begleitend krankengymnastische Übungsbehandlungen möglich bleiben. Dass die schmerzlindernde Wirkung i.d.R. über die eigentliche Behandlungszeit hinaus anhält, ist u.a. darauf zurückzuführen, daß bei dieser Blockadebehandlung auch die sog. vegetativen Nerv en betroffen sind, woraus eine sehr deutliche Durchblutungssteigerung resultiert. Dies ist der Grund, warum diese Behandlungsmethode besonders bei Schmerzen, die durch entzündliche Prozesse entstanden sind, hilfreich ist.
Physikalische Therapie bei Wirbelsäulensyndrome (chronische
WS-Syndrome):
Auch die Elektrostimulation kann eine Beschwerdelinderung herbeiführen.
Die transkutane
Nervenstimulation mit Niederfrequenzgenerator über Klebeelektroden (TENS)
hat den Vorteil, daß sich die Patienten bei Bedarf selbst behandeln können. Die
Elektroden werden paarig neben der Wir belsäule im Schmerzbereich aufgeklebt.
Durch Veränderung der Stimulationsfrequenz und der Elektrodengröße kann die
Wirkung optimiert werden.
Die elektrische epidurale Rückenmarksstimulation
erfordert eine strenge Patientenauswahl. Eine weitere physikalische
Behandlungsmöglichkeit ist bei
Rüc kenschmerzen die oberflächliche Kältetherapie im
Schmerzbereich. Wir verwenden einen elektrischen Kaltluftgenerator, dessen
Luftstrom auf ca. -10 bis -15 Grad C abgekühlt ist. Manche Patienten mit
Rüc kenschmerzen
empfinden allerdings lokale
Wärmeapplikationen (Rotlicht) als besser wirksam. Warme Bäder können
ebenfalls
Rüc kenschmerzen lindern.
Die Verordnung von Massagen ist
auch bei
Rüc kenschmerzen nicht
nicht sinnvoll. Für den Patient
mag diese Behandlung zwar angenehm sein, aber unter schmerztherapeutischem
Aspekt bringt sie nichts und führt nur zu unnötigen Kosten.
Nahezu unverzichtbar ist beim
Rüc kenschmerz die
heilgymnastische Therapie (auch
Rückenschule), da meist nur diese geeignet ist, einen
ärztlichen
Behandlungserfolg zu sichern und längerfristig zu stabilisieren. Dabei gilt es,
die Muskulatur neben der Wir belsäule zu trainieren, da auf Dauer nur eine
kräftige/suffiziente Muskulatur eine statische und dynamische Schwäche des
Achsenorgans kompensieren kann.
Besonders bei akuten Blockierungen hat die
manuelle Therapie (Chirotherapie) bei der Anzeige „Rüc
kenschmerz“
durchaus gute Erfolge aufzuweisen. Bei schmerzhaften degenerativen
(= durch Abnutzung hervorgerufenen)
Veränderungen der Wir belsäule wird auch eine Röntgenbestrahlung empfohlen
(Thomalske 1991). Die
Magnetfeldtherapie
kann Rüc
kenschmerzen
ebenfalls lindern.
Andere Therapiemaßnahmen bei
Wirbelsäulensyndrome (chronische
Wirbelsäulen-Syndrome):
Der Vollständigkeit halber darf die
Akupunktur nicht unerwähnt bleiben.
Wichtig
sind individuelle Instruktionen zur richtigen Haltung und Vermeidung von
übermäßigen Wirbelsäulenbelastungen (funktionelle Ergotherapie bzw.
Rüc kenschule). Darüber hinaus ist anzustreben, daß die betroffenen Patienten
Übungen zur Lockerung der Mus kulatur erlernen.
Die Verordnung von Hilfsmitteln
wie z.B. stabilisierende Korsette sollten dem Orthopäden vorbehalten sein.
Hypnoide (=
bewußtseinsverändernde)
Verfahren wie autogenes Training oder
progressive Relaxation nach Jakobson sind auch beim Rüc
kenschmerz eine
sinnvolle Ergänzung der Gesamtstrategie, da auch sie zu einer muskulären
Entspannung führen, ebenso Biofeedback
(= Registrierung und Rückmeldung bioelektrischer Signale).
Psychologisch
/
psychotherapeutische Interventionen
können beim ausgeprägten "psychosomatischen Schmerz" angezeigt sein, da auch
verdrängte Konflikte muskuläre Verspannungen und Schmerzen verstärken können.
Bestehen Wirbelsäulensyndrome (Wirbelsäulen -Syndrome, WS -Syndrome) längerfristig, so ist davon auszugehen, daß bereits ein Chronifizierungsgrad II oder III (Mainzer Stadieneinteilung) vorliegt. In diesen Fällen ist eine rein somatische (= körperliche) Behandlung kaum mehr ausreichend, sondern es müssen zusätzlich psychologisch /psychotherapeutische Interventionen erfolgen.
Aktualisiert: 07.06.05
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D
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